Der Türgriff-Nerd: Warum ein unscheinbares Bauteil über Sicherheit, Teilhabe und gutes Bauen entscheidet

Ein Türgriff kostet selten mehr als einen zweiten Blick. Man greift zu, öffnet die Tür, geht hindurch. Erst wenn er klemmt, wackelt oder sich falsch anfühlt, wird er zum Thema. Genau in diesem Moment, in dem etwas nicht funktioniert, beginnt für Dennis Hogrebe die eigentlich interessante Frage. Der Produktmanager bei Griffwerk nennt sich selbst augenzwinkernd Türgriff-Nerd, nicht weil er Türgriffe sammelt, sondern weil er überzeugt ist, dass gerade die unscheinbaren Dinge oft den größten Einfluss darauf haben, wie Menschen Architektur erleben.

Seit Juli 2025 ist Hogrebe Produktmanager bei Griffwerk in Blaustein, davor hat er mehr als fünf Jahre bei ECO Schulte im Sauerland gearbeitet und sich schon dort mit Beschlag- und Bandtechnik beschäftigt. Wer seine Beiträge auf LinkedIn verfolgt, findet dort selten Produktfotos mit Preisangaben, sondern eher kleine Denkanstöße. Ein Beitrag über die Frage, wer eigentlich Entscheider ist. Ein Beitrag über Kontraste bei Türdrückern. Ein Beitrag über eine Norm aus dem Jahr 1997, die bis heute gilt. Am Ende fast jedes Beitrags steht derselbe Hashtag, bettertogether, ein kleines Signal dafür, wie Hogrebe sein Fachgebiet versteht.

Wer mit Hogrebe über sein Fachgebiet spricht, merkt schnell, dass es dabei selten um Design im engeren Sinn geht. Es geht um Schnittstellen. Ein Türgriff verbindet Mensch, Architektur und Technik miteinander, und er muss dabei gleichzeitig mehreren Herren dienen. Er soll intuitiv funktionieren, sich gut anfühlen, langlebig sein und dabei Anforderungen erfüllen, die von Ergonomie über Barrierefreiheit und Brandschutz bis hin zu Fluchtwegsicherheit oder Einbruchschutz reichen. Dahinter stehen zahlreiche Normen und technische Zusammenhänge, die der Nutzer im Idealfall nie bemerkt.

Wenn viele Interessen an einem Bauteil zusammenlaufen

Was Hogrebe an seinem Thema besonders fasziniert, ist die schiere Zahl an Perspektiven, die an einem einzigen Bauteil zusammenkommen. Der Architekt will eine gestalterisch überzeugende Lösung. Der Betreiber denkt an Wartung und Lebensdauer. Der Brandschutzplaner denkt an Sicherheit. Der Monteur denkt an eine einfache Montage. Und der Nutzer will am Ende einfach nur die Tür öffnen, ohne darüber nachzudenken. Die eigentliche Herausforderung liegt darin, all diese Anforderungen miteinander in Einklang zu bringen.

Deshalb beschäftigt sich Hogrebe heute weniger mit der Frage, welcher Türgriff der schönste ist. Viel spannender findet er die Frage, warum ein bestimmter Türgriff an genau dieser Tür in genau diesem Gebäude die richtige Lösung ist. Gute Türgriffplanung beginnt für ihn deshalb nicht beim Produkt, sondern beim Menschen und bei der späteren Nutzung des Gebäudes. Je einfacher und selbstverständlicher sich ein Türgriff bedienen lässt, desto mehr intelligente Planung steckt in der Regel dahinter.

Wer entscheidet, und wer hat eigentlich das Problem

Eine der zentralen Fragen, die Hogrebe zu Beginn jedes Projekts stellt, klingt zunächst simpel. Wer entscheidet hier eigentlich? Im Objektbau ist die Antwort darauf allerdings deutlich komplexer, als sie auf den ersten Blick wirkt. Der Grund dafür liegt im Objektlebenszyklus. Zwischen der ersten Idee eines Gebäudes und seiner späteren Nutzung liegen oft mehrere Jahre. In dieser Zeit wirken zahlreiche Beteiligte mit, darunter Bauherren, Architekten, Fachplaner, Brandschutzplaner, Behörden, Betreiber, Generalunternehmer, Objekteure und ausführende Handwerksbetriebe. Jeder übernimmt in einer anderen Phase Verantwortung und bringt eine eigene Perspektive mit.

Genau deshalb stellt Hogrebe eine zweite Frage direkt hinter die erste. Wer hat eigentlich das Problem? Der Entscheider ist häufig nicht derjenige, der später täglich mit den Folgen einer Entscheidung lebt. Ein Betreiber denkt anders als ein Architekt, eine Pflegekraft anders als ein Einkäufer, und ein Rollstuhlfahrer hat andere Anforderungen als jemand, der eine Tür nur gelegentlich nutzt. Alle diese Perspektiven sind berechtigt. Die Herausforderung besteht darin, sie zu einer funktionierenden Gesamtlösung zusammenzuführen.

Aus Hogrebes Sicht liegt genau hier einer der größten Fehler in der Praxis. Über Türgriffe wird oft erst gesprochen, wenn Ausschreibungen erstellt oder Produkte ausgewählt werden. Die Türgriffplanung beginnt jedoch eigentlich viel früher. Schon in den ersten Leistungsphasen werden die entscheidenden Weichen gestellt. Wie wird das Gebäude genutzt. Welche Menschen bewegen sich darin. Welche Schutzziele müssen erfüllt werden. Welche Anforderungen ergeben sich aus Brandschutz, Barrierefreiheit, Sicherheit oder den späteren Betriebsabläufen.

Werden diese Fragen erst in der Ausführungsplanung gestellt, versucht man häufig, Probleme mit Produkten zu lösen, die eigentlich schon in der frühen Planung hätten berücksichtigt werden müssen. Hogrebe versteht Türgriffplanung deshalb nicht als Produktauswahl, sondern als kontinuierlichen Prozess entlang des gesamten Objektlebenszyklus, der mit der ersten Idee eines Gebäudes beginnt und weit über die Inbetriebnahme hinaus andauert. Viele Planungsfehler entstehen aus seiner Sicht nicht durch schlechte Produkte, sondern weil die richtigen Fragen nicht zum richtigen Zeitpunkt gestellt werden.

Diese Sichtweise erklärt auch, warum Hogrebe sich selten auf ein einzelnes Produkt festlegen lässt, wenn ihn jemand nach der richtigen Lösung fragt. Für ihn beginnt eine belastbare Antwort immer mit einer Gegenfrage, nämlich wie das Gebäude später tatsächlich genutzt wird. Erst wenn diese Nutzung klar ist, lässt sich beurteilen, welche Anforderungen wirklich zählen und welche nur scheinbar wichtig erscheinen, weil sie zufällig zuerst zur Sprache kommen.

Warum eine ältere Norm manchmal die richtige ist

Ein Punkt überrascht viele, die zum ersten Mal mit dem Thema in Berührung kommen. Bei Feuerschutzbeschlägen arbeitet Griffwerk nach der DIN 18273 aus dem Jahr 1997, obwohl längst eine neuere Fassung existiert. Für Laien klingt das zunächst nach einem Widerspruch. Warum sollte man nicht die aktuellste Norm verwenden?

Hogrebe erklärt es so, dass viele Menschen ganz selbstverständlich davon ausgehen, es gelte automatisch immer die neueste Norm. Im Bauwesen funktioniert das allerdings anders, und zwar aus gutem Grund. Eine neue technische Regel spiegelt zunächst den aktuellen Stand der Technik wider. Sie ist deshalb aber noch nicht automatisch bauordnungsrechtlich verbindlich. Bevor sie verbindlich angewendet werden kann, durchläuft sie einen umfangreichen fachlichen und rechtlichen Prüfprozess und wird anschließend schrittweise von den Bundesländern in ihre Technischen Baubestimmungen übernommen. Erst dann bildet sie die verbindliche Grundlage für Planung und Ausführung.

Gerade bei Feuer- und Rauchschutztüren ist dieser Unterschied besonders wichtig. Es geht hier nicht um einen einzelnen Türgriff, sondern um ein geprüftes Gesamtsystem aus Türblatt, Zarge, Schloss, Bändern, Türschließer und Beschlägen. Änderungen an einer einzigen Komponente können Auswirkungen auf die Verwendbarkeit des gesamten Systems haben. Verlässlichkeit und Rechtssicherheit stehen in diesem Bereich deshalb häufig über der möglichst schnellen Einführung neuer Normen.

Kunden erklärt Hogrebe das gerne mit einem einfachen Bild. Eine neue Norm beschreibt den Stand der Technik. Verbindlich wird sie im Bauwesen aber erst durch ihre bauaufsichtliche Einführung. Das mag auf den ersten Blick kompliziert wirken, schafft am Ende aber Sicherheit und klare Rahmenbedingungen für Planer, Hersteller, Behörden und Betreiber. Den Nutzer selbst interessiert am Ende ohnehin nicht, aus welchem Jahr eine Norm stammt. Er muss sich nur darauf verlassen können, dass eine Feuer- und Rauchschutztür im Ernstfall zuverlässig funktioniert.

Dieses Beispiel zeigt beispielhaft, wie unterschiedlich die Zeithorizonte im Bauwesen ticken. Während Technik und Digitalisierung sich in immer kürzeren Zyklen weiterentwickeln, braucht ein Regelwerk, das über Menschenleben mitentscheidet, bewusst mehr Zeit, bevor es verbindlich wird. Für Hogrebe ist genau das kein Widerspruch zum Fortschritt, sondern eine notwendige Verlangsamung an der richtigen Stelle.

Ein dunkler Griff auf heller Tür

Barrierefreiheit ist ein Thema, das bei Griffwerk immer wieder auftaucht, und Hogrebe stört sich an einer weit verbreiteten Verkürzung. Der größte Irrtum bestehe darin, Barrierefreiheit häufig auf Rollstuhlfahrer oder Menschen mit einer Behinderung zu reduzieren. Tatsächlich profitieren alle Menschen von einer barrierefreien Planung, Kinder genauso wie ältere Menschen, Menschen mit eingeschränktem Sehvermögen oder auch jemand, der gerade beide Hände voll hat.

Beim Thema Türgriffe wird zunächst meist über Design gesprochen. Mindestens genauso wichtig ist aus Hogrebes Sicht jedoch die Funktion. Ein Türgriff muss intuitiv auffindbar, gut erkennbar und sicher bedienbar sein. Deshalb spielen ausreichende Helligkeitskontraste zwischen Tür, Griff und Umgebung eine wichtige Rolle. Sie helfen Menschen mit eingeschränktem Sehvermögen dabei, den Türgriff schnell zu erkennen und sicher zu nutzen. Ein dunkler Türdrücker auf einer hellen Tür kann so den Alltag spürbar erleichtern, ein Detail, das leicht zu übersehen ist, aber im täglichen Gebrauch einen großen Unterschied macht.

Aus Hogrebes Sicht beginnt Barrierefreiheit allerdings nicht erst bei einzelnen Produktanforderungen, sondern viel früher, nämlich in der Planung. Wird sie erst am Ende eines Projekts berücksichtigt, müssen häufig Kompromisse eingegangen werden. Wird sie dagegen von Anfang an mitgedacht, entstehen Lösungen, die funktional, ästhetisch und wirtschaftlich zugleich sind. Barrierefreiheit ist für ihn deshalb keine zusätzliche Anforderung, sondern ein Qualitätsmerkmal guter Architektur.

Auf Veranstaltungen lässt Hogrebe Interessierte gelegentlich selbst durch eine Simulationsbrille schauen, die eine fortgeschrittene Sehbehinderung wie den Grauen Star nachbildet. Wer einmal durch eine solche Brille geblickt hat, versteht meist sofort, warum ein einzelner Kontrastwert am Türdrücker keine kosmetische Frage ist, sondern für manche Menschen darüber entscheidet, ob sie eine Tür ohne fremde Hilfe finden und öffnen können. Gebäude sollten aus seiner Sicht allen Menschen eine selbstständige und intuitive Nutzung ermöglichen, das ist für ihn der eigentliche Anspruch guter Planung.

Sicherheit ohne Strom, Software oder Update

Ein Beispiel dafür, wie sich die Anforderungen an Gebäude über die Zeit verändern, ist HAFI Protect, eine mechanische Lösung zur Amok-Prävention an Klassenzimmertüren. Früher standen bei Schulen vor allem Themen wie Brandschutz, Barrierefreiheit oder Fluchtwege im Fokus. Heute kommt eine Frage hinzu, die vor wenigen Jahren noch kaum jemand gestellt hätte, nämlich wie man Menschen in außergewöhnlichen Gefahrensituationen bestmöglich schützen kann.

Die Idee hinter HAFI Protect war nach Hogrebes Beschreibung nicht, ein Produkt aus Angst heraus zu entwickeln, sondern eine pragmatische und zuverlässige Lösung für eine neue Anforderung im Gebäudebetrieb zu schaffen. Wichtig war dabei, dass sich die Lösung möglichst einfach in bestehende Türkonzepte integrieren lässt und im Alltag keine zusätzlichen Hürden schafft.

Ein entscheidender Unterschied zu vielen elektronischen Lösungen ist der konsequent mechanische Ansatz. Mechanische Systeme benötigen keine Stromversorgung, keine Software, keine Netzwerkanbindung und keine regelmäßigen Updates. Gerade in sicherheitsrelevanten Situationen kann diese Einfachheit ein großer Vorteil sein, weil sie Robustheit und Zuverlässigkeit miteinander verbindet. Gleichzeitig betont Hogrebe, dass es bei diesem sensiblen Thema keine Universallösung gibt. Sicherheit entsteht immer durch das Zusammenspiel unterschiedlicher Maßnahmen, von organisatorischen Abläufen über bauliche Maßnahmen bis hin zur richtigen Ausstattung einer Tür.

Vorgestellt wurde die Lösung unter anderem auf dem Freiburger Brandschutztag, wo Hogrebe und sein Team das Feedback von Brandschutzfachleuten aus erster Hand einholen konnten. Für ihn ist das kein einmaliger Schritt, sondern Teil eines fortlaufenden Prozesses, in dem sich Anforderungen an Türen immer wieder verschieben. Vor einigen Jahren stand bei Schulbauten kaum jemand, wenn überhaupt, vor der Frage nach mechanischer Amok-Prävention. Heute gehört sie für viele Betreiber selbstverständlich zur Planung dazu, ohne dass die klassischen Anforderungen an Brandschutz oder Fluchtwege dabei in den Hintergrund treten dürfen.

Better together, keine leere Floskel

Kaum ein anderes Bauteil im Gebäude verbindet aus Hogrebes Sicht so viele unterschiedliche Gewerke und Fachdisziplinen wie eine Tür. Auf den ersten Blick wirkt sie unscheinbar, tatsächlich ist sie ein hochkomplexes System. Türblatt, Zarge, Beschläge, Schloss, Bänder, Türschließer, Dichtungen, Zutrittskontrolle oder Fluchtwegsicherung, all diese Komponenten müssen perfekt zusammenspielen. Gleichzeitig treffen an einer Tür unterschiedlichste Anforderungen aufeinander, von Gestaltung über Brandschutz und Barrierefreiheit bis zu Einbruchschutz, Akustik, Hygiene und Wirtschaftlichkeit.

Genau deshalb funktioniert gute Türplanung aus seiner Sicht nur interdisziplinär und herstellerübergreifend. Kein Unternehmen beherrscht alle Komponenten eines Türsystems. Wirklich gute Lösungen entstehen dort, wo Architekten, Fachplaner, Türenhersteller, Beschlaghersteller, Schlosshersteller und ausführende Unternehmen ihr Wissen frühzeitig zusammenbringen.

In der Praxis erlebt Hogrebe allerdings häufig das Gegenteil. Viele Beteiligte arbeiten nacheinander statt miteinander, oft mit den besten Absichten, aber jeder optimiert seinen eigenen Verantwortungsbereich. Die eigentlichen Herausforderungen entstehen jedoch genau an den Schnittstellen zwischen den Gewerken. Werden diese zu spät betrachtet, sind Kompromisse, Nachträge oder aufwendige Anpassungen häufig die Folge.

Eine Tür wird nicht an einem einzigen Tag geplant. Sie entwickelt sich von der ersten Idee eines Gebäudes über Planung, Ausschreibung, Ausführung und Inbetriebnahme bis hin zu einer Nutzungsdauer von mehreren Jahrzehnten. In jeder dieser Phasen treffen unterschiedliche Menschen Entscheidungen, die sich auf das Gesamtsystem auswirken können. Hogrebe ist überzeugt, dass die Branche noch stärker lernen muss, in Systemen statt in Produkten zu denken. Den Nutzer interessiert am Ende nicht, von welchem Hersteller der Türgriff, das Schloss oder das Band stammt. Er erwartet einfach, dass die Tür zuverlässig funktioniert, jeden Tag, über viele Jahre hinweg.

Vielleicht ist das auch der Grund, warum unter fast allen Beiträgen von Hogrebe auf LinkedIn derselbe Satz steht. Better together. Für ihn ist das kein Slogan, sondern eine Haltung. Gute Türplanung entsteht nicht durch Einzelkämpfer, sondern durch Menschen, die ihr Wissen teilen und gemeinsam an der besten Lösung arbeiten.

Am Ende führt das Gespräch mit Hogrebe zurück zu seinem Ausgangspunkt. Ein Türgriff fällt im Alltag nicht auf, solange er funktioniert, und genau darin liegt seine eigentliche Leistung. Hinter einer Bewegung, die niemand bewusst wahrnimmt, stecken Jahre an Normen, Abstimmungen zwischen Gewerken und Entscheidungen, die lange vor dem ersten Spatenstich getroffen wurden. Wer wie Hogrebe jeden Tag mit diesen Details arbeitet, verliert dabei nicht den Blick für das große Ganze, sondern gewinnt ihn erst dadurch. Ein Bauteil, das man kaum bemerkt, wenn es funktioniert, wird so zum Sinnbild für etwas, das weit über den eigentlichen Türgriff hinausgeht.