Ab November 2026 gelten erstmals EU-weite Grenzwerte für Bremspartikelemissionen. Im Interview erläutern Experten von Tyrolit, warum der Schleifprozess dabei eine Schlüsselrolle spielt.
Neue Norm setzt Automobilindustrie unter Zeitdruck
Die EU-Verordnung 2024/1257 – besser bekannt als Euro 7 – reguliert erstmals nicht nur Abgase, sondern auch Feinstaubemissionen durch Bremsabrieb. Die Grenzwerte für Bremspartikelemissionen treten ab dem 29. November 2026 in Kraft, zunächst für neue Fahrzeugtypen der Klassen M1 (PKW) und N1. Ab 2027 gelten sie für alle Neuzulassungen dieser Klassen, ab 2028 folgen neue Fahrzeugtypen höherer Klassen.
Karl Mayrhofer, Product Developer im Bereich Metal Precision bei Tyrolit, ordnet den Handlungsdruck ein: „Der Zeitplan ist eindeutig – die Industrie hat keine Zeit mehr zu verlieren.“ Auf die Frage, ob Lösungen bereits serienreif seien, verweist Mayrhofer auf klare Signale aus dem Markt: Erstmusterserien seien teilweise abgeschlossen. Serienfertigungen liefen bereits an – erkennbar am deutlich gestiegenen Auftragseingang für Schleifwerkzeuge bei Tyrolit.
Laserleistung vervierfacht – Anforderungen an den Schleifprozess steigen
Als vielversprechendster Ansatz zur Erfüllung der Euro-7-Anforderungen gilt die Hartstoffbeschichtung von Bremsscheiben mittels Laserauftragsschweißen. Die größte Herausforderung liegt dabei im Beschichtungsprozess selbst: Homogene Beschichtung, minimaler Verzug der Guss-Bremsscheibe und ein geringer Planlauf sind die technischen Kernforderungen.
Dabei hat sich die eingesetzte Laserleistung in nur fünf Jahren von 6 auf 24 Kilowatt vervierfacht – mit direkten Folgen für den nachgelagerten Schleifprozess. „Durch die gestiegene Laserleistung sind auch die Anforderungen an den Schleifprozess signifikant gestiegen“, erklärt Mayrhofer. Tyrolit habe in der Entwicklungsphase laufend Schleifscheibenspezifikationen angepasst und setze dabei auf schnelle Reaktionszeiten, kontinuierliche Schleifversuche und kurze Durchlaufzeiten von rund zwei Wochen für Versuchswerkzeuge.
Zusammenarbeit mit Maschinenherstellern und Forschungseinrichtungen
Daniel Herzog, Market Manager Automotive Industry bei Tyrolit, beschreibt die Zusammenarbeit in der Wertschöpfungskette: Primäre Schnittstelle seien zunächst die Schleifmaschinenhersteller gewesen, in deren Laboren Erst- und Folgeversuche durchgeführt wurden. Der Kontakt zu Bremsscheibenherstellern habe sich anschließend über diese Maschinenhersteller entwickelt. Mit Forschungseinrichtungen wie der RWTH Aachen pflege Tyrolit über Fachkreismitgliedschaften enge Kontakte und bringe sich aktiv in neue Forschungsprojekte ein.
Auf der Produktionsseite hat Tyrolit laut Plant Manager Mario Nairz gezielt in die Automatisierung der Fertigung sowie in die Erweiterung der Kapazitäten für Diamant- und CBN-Werkzeuge investiert. Ein standardisiertes Produktsortiment ermögliche skalierbare Produktion und schnelle Reaktion auf steigende Marktanforderungen.
Markt wächst bis 2030 auf bis zu 20 Millionen beschichtete Bremsscheiben
Der Blick in die Zukunft zeigt erhebliches Wachstumspotenzial: Laut Herzog werden für den PKW-Markt außerhalb Chinas bereits 2027 rund 10 Millionen beschichtete Bremsscheiben erwartet – bis 2030 soll das Volumen auf 15 bis 20 Millionen pro Jahr steigen. Als technologisch überlegene Lösung gilt die Double-Layer-Hartstoffbeschichtung mit höchster Verschleiß- und Korrosionsbeständigkeit, auch wenn sie die teuerste Option darstellt. Alternativen wie Single-Layer-Beschichtungen, Carbonitrieren oder Al₂O₃-beschichtete Aluminium-Bremsscheiben stehen ebenfalls im Wettbewerb.
Langfristig dürfte die Regulierung auch auf LKW und Busse ausgeweitet werden – die entsprechenden Grenzwerttabellen in der Euro-7-Norm sind noch nicht befüllt. Zudem wird eine vergleichbare Regelung für den chinesischen Markt unter dem Stichwort „China 7″ mit hoher Wahrscheinlichkeit kommen. Tyrolit positioniert sich in diesem Wachstumsmarkt als Markt- und Technologieführer für das Doppelseiten-Planschleifen von hartstoffbeschichteten Guss-Bremsscheiben.




