Markus Flasch im Interview

Markus Flasch: CEO BMW Motorrad fordert starke Stimme für die Motorradindustrie in Europa

Markus Flasch, CEO von BMW Motorrad, hat die Präsidentschaft des europäischen Motorradindustrieverbands ACEM übernommen. Im Interview mit industrieimpuls.de spricht er über strategische Prioritäten, die Rolle der L-Kategorie in der urbanen Mobilität, den Weg zur Dekarbonisierung, notwendige regulatorische Rahmenbedingungen und die Zukunft des Motorradfahrens bis 2030.

Neue Stimme für Europa

Warum ist jetzt der richtige Zeitpunkt, die Stimme der Motorradindustrie auf europäischer Ebene zu stärken?

Die Motorradindustrie befindet sich in einer Phase tiefgreifender Veränderung. Wir sehen neue Anforderungen an urbane Mobilität, ambitionierte Ziele zur Dekarbonisierung, zunehmende Regulierung, aber auch einen sehr intensiven globalen Wettbewerb. In einer solchen Phase ist es entscheidend, dass unsere Branche auf europäischer Ebene geschlossen, konstruktiv und mit einer klaren Stimme auftritt. Jetzt werden zentrale Weichen für die Mobilität der Zukunft gestellt, deshalb muss die Motorradindustrie in Europa klar hörbar sein, als Teil der Lösung, nicht als Randthema.

Motorräder, Roller und andere Fahrzeuge der L-Kategorie werden in der Mobilitätsdebatte aus meiner Sicht noch nicht überall in dem Maße berücksichtigt, wie es ihrem Potenzial entspricht. Dabei sind sie in vielen Situationen eine sehr effiziente, flexible und platzsparende Lösung, insbesondere in Städten. Sie sind keine Nische, sondern können ein relevanter Teil moderner Mobilitätskonzepte sein. Diese Botschaft müssen wir stärker in den politischen Dialog einbringen.

Gleichzeitig ist die Motorradindustrie ein wichtiger Bestandteil der europäischen Wirtschaft. Sie steht für starke Marken, industrielle Kompetenz, technologische Innovationskraft und eine leidenschaftliche Community. Als ACEM geht es uns darum, diese Rolle sichtbar zu machen und gemeinsam mit Politik und Institutionen Rahmenbedingungen zu gestalten, die Nachhaltigkeit, Wettbewerbsfähigkeit und Kundennutzen zusammenbringen.

L-Kategorie in der Stadt

Welche konkreten Hebel sieht Herr Flasch, um Fahrzeuge der L-Kategorie stärker in kommunale und urbane Mobilitätskonzepte zu integrieren?

Der wichtigste Hebel ist, Fahrzeuge der L-Kategorie frühzeitig und systematisch in die Mobilitätsplanung von Städten einzubeziehen. In der Praxis bedeutet das, Motorräder sollten in Infrastrukturkonzepte, Parkraumplanung, den bedarfsgerechten Ausbau der Ladeinfrastruktur sowie in kommunale Verkehrsstrategien integriert werden.

Heute wird urbane Mobilität häufig sehr stark aus der Perspektive von Auto, öffentlichem Verkehr und Fahrrad gedacht. Das ist wichtig, aber nicht vollständig. L-Kategorie-Fahrzeuge können gerade dort Mehrwert schaffen, wo Flexibilität, Flächeneffizienz und individuelle Mobilität gefragt sind. Sie benötigen weniger Raum, können Verkehrsflüsse entlasten und bieten vielen Menschen eine sinnvolle Ergänzung im Mobilitätsmix.

Für BMW Motorrad ist der urbane Raum auch deshalb relevant, weil dort neue Mobilitätsbedürfnisse entstehen. Mit Produkten wie dem BMW CE 02 und dem BMW CE 04 adressieren wir gezielt Lösungen für diese Einsatzbereiche, von kurzen Alltagswegen über das tägliche Pendeln bis hin zu den Anforderungen moderner Städte an lokale Emissionsfreiheit. Elektrifizierung entfaltet insbesondere dort ihren Mehrwert, wo sie einen konkreten und spürbaren Kundennutzen schafft. Unser Ansatz bleibt dabei kundenzentriert, wir bauen Fahrzeuge für reale Bedürfnisse, nicht für Trends.

Dekarbonisierung ohne Wettbewerbsnachteil

Wie lässt sich die Transformation zu nachhaltigeren Antrieben realisieren, ohne die industrielle Wettbewerbsfähigkeit europäischer Hersteller zu gefährden?

Dekarbonisierung und Wettbewerbsfähigkeit dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Unser Anspruch muss sein, beides zusammenzubringen. Die Motorradindustrie hat die Technologie, die Innovationskraft und die Verantwortung, ihren Beitrag zu mehr Nachhaltigkeit zu leisten. Gleichzeitig brauchen europäische Hersteller Rahmenbedingungen, die Investitionen ermöglichen und industrielle Stärke erhalten.

Aus meiner Sicht ist Technologieoffenheit dafür zentral. Motorradfahren ist sehr vielfältig, es gibt urbane Mobilität, Pendeln, Touring, Adventure, Sport, Heritage und Motorsport. Die Anforderungen an Reichweite, Gewicht, Ladeinfrastruktur, Fahrdynamik und Nutzung unterscheiden sich je nach Segment und Markt erheblich, deshalb kann es keine pauschale Lösung für alle Kunden und alle Regionen geben.

Elektrifizierung spielt bereits heute eine wichtige Rolle, insbesondere im urbanen Bereich. Dort sehen wir klare Vorteile, vor allem bei kurzen Distanzen, der täglichen Nutzung und einer zunehmend verfügbaren, engmaschigen Ladeinfrastruktur. Gleichzeitig sind wir überzeugt, dass der Weg zur Dekarbonisierung technologieoffen bleiben muss. Neben der Elektrifizierung spielen deshalb auch die kontinuierliche Effizienzsteigerung bestehender Antriebe sowie die Verfügbarkeit alternativer Kraftstoffe eine wichtige Rolle. Kurz gesagt, Dekarbonisierung gelingt nicht durch Einheitslösungen, sondern durch Technologieoffenheit, Kundennähe und Rahmenbedingungen, die Innovation und Wettbewerbsfähigkeit ermöglichen.

Politik braucht Planungssicherheit

Was braucht die Branche konkret von der europäischen Politik, um Investitionen in Innovationen zu sichern?

Die Branche braucht vor allem Verlässlichkeit, Planungssicherheit und einen innovationsfreundlichen regulatorischen Rahmen. Unternehmen investieren langfristig, in neue Technologien, Produkte, Produktionsstrukturen und Kompetenzen. Dafür müssen die politischen Rahmenbedingungen nachvollziehbar, realistisch und industriefähig sein.

Wichtig ist auch ein differenzierter Blick auf die L-Kategorie. Motorräder sind keine kleinen Autos, sie haben andere technische Voraussetzungen, andere Nutzungsmuster, andere Kundenanforderungen und andere Marktlogiken. Regulierung muss diese Besonderheiten berücksichtigen, wenn sie wirksam und zugleich innovationsfördernd sein soll.

Als ACEM sehen wir unsere Aufgabe darin, Expertise, Daten und konkrete Erfahrungen aus der Branche in den Dialog mit den europäischen Institutionen einzubringen. Gute Regulierung entsteht aus einem realistischen Verständnis von Technologie, Märkten und Kunden. Wenn der Rahmen Innovation und Investitionen unterstützt, kann die Motorradindustrie ihren Beitrag zu Nachhaltigkeit, Sicherheit und Wettbewerbsfähigkeit leisten.

Motorradfahren im Jahr 2030

Wie verändert sich das Motorrad als Produkt und als kulturelles Erlebnis bis 2030?

Das Motorrad wird sich bis 2030 technologisch weiterentwickeln, wir werden mehr Digitalisierung, mehr Vernetzung, intelligente Assistenzsysteme und je nach Segment auch neue Antriebskonzepte sehen. Gleichzeitig bleibt der Kern unverändert, Motorradfahren steht für Emotion, Freiheit, unmittelbares Erleben und die besondere Verbindung zwischen Mensch und Maschine.

Für BMW Motorrad ist genau diese Verbindung entscheidend. Unsere Marke lebt seit über 100 Jahren von authentischen Produkten, technischer Kompetenz und einer starken Community. Heritage ist dabei kein Blick zurück, sondern ein Fundament, auf dem wir Neues entwickeln. Mit unserem Modellportfolio zeigen wir auf unterschiedliche Weise, wie wir Tradition, Innovation und neue Kundenerwartungen zusammenbringen.

Gleichzeitig verändert sich unsere Kundschaft. In einigen etablierten Märkten sehen wir eine ältere Zielgruppe im Segment großer Motorräder. Parallel entstehen neue Kundengruppen, etwa in Asien, in urbanen Räumen oder bei Menschen, die über digitale und zugänglichere Produkte erstmals mit einem Motorrad in Berührung kommen. Unsere Aufgabe ist daher zweifach, wir wollen unsere loyale bestehende Community weiter begeistern und zugleich neue Zielgruppen für das Motorradfahren gewinnen.