Vernetzte TGA-Systeme: Warum Einzelgewerke im Projektgeschäft ausgedient haben

Heizung, Lüftung, Sanitär und Elektro wurden in der Gebäudetechnik lange Zeit als getrennte Einzelgewerke geplant und gebaut. Diese Zeit ist vorbei, sagt Yannick Pfeiffer, der im Großhandel für Gebäudetechnik tägliche Praxis mit Planern, Handwerksbetrieben und Herstellern hat. Im Interview erklärt er, warum vernetzte TGA-Systeme heute Standard sind, welche Rolle BIM dabei spielt und was das für Großhandel, Handwerksbetriebe und Bauherren bedeutet.

Warum sich TGA-Projekte weg von Einzelgewerken entwickelt haben

„Der größte Treiber ist die steigende Komplexität moderner Gebäude“, sagt Pfeiffer. Energieeffizienz, Nachhaltigkeit, gesetzliche Anforderungen und der Wunsch nach intelligenten Gebäuden führten dazu, dass einzelne Gewerke nicht mehr unabhängig voneinander funktionieren könnten. Früher sei die Heizungsanlage weitgehend ein eigenständiges System gewesen. „Heute muss sie mit Wärmepumpen, Photovoltaik, Batteriespeichern, Lüftungsanlagen, Gebäudeautomation und teilweise sogar Ladeinfrastruktur für E-Mobilität zusammenspielen.“ Erst das Zusammenspiel dieser Systeme ermögliche einen wirtschaftlichen und energieeffizienten Gebäudebetrieb. Hinzu komme, dass Bauherren heute nicht mehr einzelne Produkte kauften, sondern zunehmend funktionierende Gesamtlösungen erwarteten. Vernetzte TGA-Systeme entstehen aus genau diesem Zusammenspiel von Energieeffizienz, Gebäudeautomation und wirtschaftlichem Betrieb, nicht aus der Summe einzelner, gut funktionierender Einzelgewerke.

Ein Projekt heute im Vergleich zu vor zehn Jahren

Vor zehn Jahren seien viele Gewerke noch nacheinander geplant worden. „Man hatte das Gefühl, jeder optimierte sein eigenes System, was durchaus gut war, aber Schnittstellenprobleme wurden häufig erst auf der Baustelle sichtbar“, erinnert sich Pfeiffer. Heute beginne die Abstimmung deutlich früher: Bereits in der Planungsphase würden Heizungs-, Sanitär-, Lüftungs-, Elektro- und MSR-Technik gemeinsam betrachtet, mit dem Ziel eines Gesamtsystems, das technisch funktioniert und wirtschaftlich betrieben werden kann. Das erhöhe zwar die Anforderungen an Planung und ausführende Nachunternehmer, senke aber spätere Konflikte auf der Baustelle und reduziere die Betriebskosten langfristig deutlich. Am Ende stehen so vernetzte TGA-Systeme, die von Anfang an gemeinsam gedacht wurden, statt nachträglich auf der Baustelle zusammengeflickt zu werden.

Wir merken, dass es häufig um Schnittstellen geht. Die größte Herausforderung ist dabei, diese Schnittstellen reibungslos aufeinander abzustimmen.

Neue Anforderungen an Großhandel und Lieferanten

Die eigene Rolle habe sich grundlegend verändert, so Pfeiffer. „Früher stand häufig die reine Materialversorgung und der Preis im Mittelpunkt.“ Das sei zwar weiterhin ein wichtiger Faktor, doch inzwischen begleite man Projekte bereits in einem viel früheren Stadium: bei der Auswahl kompatibler Systeme, bei der Koordination mit Herstellern und bei der Beratung zu technischen Schnittstellen. Im Ausschreibungs- und Projektgeschäft gehe es längst nicht mehr nur um einzelne Produkte, sondern darum, dass komplette Systemlösungen später problemlos zusammenarbeiten. Dafür benötigten auch Großhandel und Industrie deutlich mehr technisches Know-how als noch vor einigen Jahren. Wer heute vernetzte TGA-Systeme mitliefern will, verkauft eben keine Einzelteile mehr, sondern Systemverantwortung.

Wo die größten Reibungspunkte in der Zusammenarbeit liegen

Jedes Gewerk verfolge zunächst seine eigenen Anforderungen und Prioritäten. Fehle die Abstimmung, entstünden Missverständnisse oder Doppelarbeiten. Hinzu komme, dass Digitalisierung und Vernetzung unterschiedliche Wissensstände voraussetzten, nicht jeder Projektbeteiligte verfüge bereits über die gleichen Erfahrungen mit digitalen Planungsprozessen oder intelligenten Gebäudesystemen. „Deshalb werden Kommunikation, Transparenz und frühzeitige Abstimmung immer wichtiger“, so Pfeiffer.

Warum auch Handwerksbetriebe umdenken müssen

Das klassische Denken in einzelnen Gewerken werde den Anforderungen moderner Gebäude immer weniger gerecht, sagt Pfeiffer. Die fachliche Spezialisierung bleibe zwar wichtig, gleichzeitig müssten alle Beteiligten verstehen, wie ihre Arbeit das Gesamtsystem beeinflusst. „Wer heute ausschließlich sein eigenes Gewerk betrachtet, verschenkt meines Erachtens häufig Optimierungspotenzial und erhöht das Risiko späterer Probleme.“ Zur Zukunft gehörten deshalb Betriebe, die offen für Kooperation, Digitalisierung und systemübergreifendes Denken seien, nicht zwingend die größten.

Die Rolle von BIM bei vernetzten TGA-Systemen

„BIM schafft erstmals eine gemeinsame digitale Grundlage für alle Projektbeteiligten“, erklärt Pfeiffer. Statt mit verschiedenen Plänen zu arbeiten, greifen alle auf dasselbe Gebäudemodell zu, wodurch Kollisionen früh erkannt, Änderungen transparent dokumentiert und Schnittstellen deutlich besser beherrscht werden. BIM sei dabei weit mehr als eine 3D-Zeichnung, sondern eine Arbeitsmethode, die Planung, Ausführung und später sogar den Gebäudebetrieb miteinander verbindet. Gerade bei komplexen TGA-Projekten werde BIM deshalb zunehmend unverzichtbar, entscheidend sei dabei, dass alle Baubeteiligten mit BIM arbeiten. Erst BIM macht vernetzte TGA-Systeme über die gesamte Projektlaufzeit hinweg wirklich planbar und im Betrieb beherrschbar.

Vom Lieferanten zum Projektpartner

Die eigene Rolle im Projektgeschäft sieht Pfeiffer heute deutlich stärker als Projektpartner und Berater. Man bringe Hersteller, Planer und Fachunternehmen frühzeitig zusammen und unterstütze dabei, technische Lösungen zu entwickeln, die langfristig funktionieren. „Durch unsere Marktkenntnis und den täglichen Austausch mit unterschiedlichsten Beteiligten können wir Erfahrungen aus vielen Projekten einbringen und so Mehrwert schaffen.“ Material zu liefern bleibe selbstverständlich ein wichtiger Bestandteil der Aufgabe, der eigentliche Mehrwert entstehe jedoch heute oft bereits lange vor der Bestellung. Wer vernetzte TGA-Systeme über Jahre hinweg zuverlässig mitgestaltet, wird eben nicht mehr nur als Lieferant wahrgenommen, sondern als echter Projektpartner.

Sein Rat an Planer und Bauherren

Wer als Planer oder Bauherr noch in Einzelgewerken denke, solle möglichst früh alle relevanten Projektbeteiligten an einen Tisch holen, rät Pfeiffer. Je früher Schnittstellen gemeinsam betrachtet würden, desto einfacher ließen sich spätere Probleme vermeiden. Außerdem sollte man nicht ausschließlich die Investitionskosten einzelner Komponenten betrachten, sondern die Wirtschaftlichkeit des gesamten Gebäudes über seinen gesamten Lebenszyklus. Vernetzte Gebäudetechnik bedeute zunächst oft etwas mehr Planungsaufwand und höhere Anschaffungskosten, dieser Aufwand zahle sich jedoch in Form geringerer Betriebskosten, höherer Energieeffizienz und besserer Nutzungsqualität vielfach aus, gerade in der mittel- bis langfristigen Betrachtung. Themen wie KI-gestützte Gebäudeautomation, intelligente Energiemanagementsysteme und sektorenübergreifende Vernetzung würden die TGA-Branche nach seiner Einschätzung in den kommenden Jahren weiter verändern. Wer schon heute auf vernetzte TGA-Systeme setzt, spart am Ende deutlich mehr an den Betriebskosten, als er zuvor in die sorgfältige Planung investiert hat.

Zur Person

Yannick Pfeiffer ist im Großhandel für Gebäudetechnik tätig und begleitet dort TGA-Projekte im Zusammenspiel von Planern, Handwerksbetrieben und Herstellern. Sein Themenschwerpunkt ist die Entwicklung vom reinen Materiallieferanten zum technischen Projektpartner, insbesondere bei vernetzten Systemen und BIM-basierter Planung.

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Mehr zum Konzept dahinter: Building Information Modeling (Wikipedia).